Lübeck, 05.11.2026 (lifePR) – Wie halten Krankenhäuser extremer Hitze, Stromausfällen oder Cyberangriffen stand? Beim zweiten Fachtag des Projekts „Beyond Expediency“ an der Technischen Hochschule Lübeck diskutierten Vertreter*innen aus Kliniken, Politik und Forschung, wie sich Gesundheitseinrichtungen besser auf Krisen vorbereiten können. Klar wurde: Resilienz braucht vorausschauende Planung, technische Redundanz und handlungsfähiges Personal.
43,1 Grad Celsius: Diese Temperatur wurde im Juni 2026 in Freiburg gemessen. Die extreme Hitze brachte auch das Universitätsklinikum an seine Grenzen. Die rund acht Kilometer lange unterirdische Warentransportanlage fiel aus. Eine eigens einberufene „Task Force Hitze“ musste entscheiden, welche Bereiche besonders stark gekühlt werden sollten. Vorrang hatten unter anderem die Geburts- und Palliativstation. PD Dr. Thorsten Hammer von der Stabsstelle Katastrophenschutz des Universitätsklinikums Freiburg berichtete beim Fachtag, wie schnell extreme Wetterlagen den Klinikbetrieb beeinträchtigen können.
Wie Krankenhäuser baulich und technisch widerstandsfähiger werden, untersucht das Projekt „Beyond Expediency“, dass das Ministerium für Justiz und Gesundheit des Landes Schleswig-Holstein gemeinsam mit der TH Lübeck Anfang 2025 gestartet hat. Unter Leitung von Prof. Stephan Wehrig entwickelt das Projekt einen neuen Planungs- und Qualitätskompass für den Gesundheitsbau. Gesundheits- und Justizministerin Prof. Dr. Kerstin von der Decken betonte beim Fachtag im Bauforum der TH Lübeck die Bedeutung des Austauschs zwischen Wissenschaft und Praxis.
Redundanz schafft Sicherheit
Wie konkrete Schutzmaßnahmen aussehen können, zeigte Werner Christiansen, Abteilungsleiter Technischer Dienst am Klinikum Itzehoe. Seine Empfehlungen: technische Systeme mehrfach vorhalten, Strom- und Wasserversorgung über unabhängige Einspeisepunkte absichern und Anlagen räumlich verteilen. So können beispielsweise zwei Notstromaggregate an unterschiedlichen Standorten verhindern, dass ein einzelner Brand die gesamte Stromversorgung lahmlegt.
Auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen lässt sich berechnen. Prof. Alexander Stolz vom Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik erläuterte, wie Simulationen helfen, mögliche Schäden und die Wirksamkeit unterschiedlicher Schutzmaßnahmen abzuschätzen. Ziel sei es, die Funktionsfähigkeit eines Krankenhauses auch im Krisenfall möglichst lange aufrechtzuerhalten und anschließend schnell wiederherzustellen. „Resilienz ist kein Zufall – sie ist Ingenieursarbeit“, fasste Stolz zusammen.
Resilienz von Anfang an mitplanen
Wie sich solche Überlegungen bereits beim Neubau berücksichtigen lassen, zeigt ein gemeinsames Vorhaben des Klinikums Nordfriesland und der TH Lübeck. Am Beispiel der geplanten Klinik „Am Wattenmeer“ in Husum untersucht das Projektteam, welche Schutzmaßnahmen über die gesetzlichen Anforderungen hinaus sinnvoll sind und welche Kosten sie verursachen. Dabei stehen auch Maßnahmen im Fokus, die mehrere Vorteile verbinden: Ein hochgedämmtes Gründach kann beispielsweise Gebäude kühlen und zugleich Regenwasser bei Starkregen zurückhalten.
Doch technische Lösungen allein reichen nicht aus. Werner Christiansen machte deutlich, dass Beschäftigte im Krisenfall auch die Sicherheit ihrer eigenen Familien berücksichtigen müssen. Wie wichtig funktionierende Notfallstrukturen und verlässliche Dienstpläne sind, zeigte zudem der Stromausfall in Berlin im Januar 2026, von dem das Immanuel Krankenhaus betroffen war.
Auch die Organisationskultur spielt eine wichtige Rolle, betonte Kanzlerin Yvonne Plaul von der TH Lübeck. Unsicherheiten müssten offen angesprochen, unterschiedliche Perspektiven einbezogen und Räume geschaffen werden, in denen aus Fehlern gelernt werden kann. „Resilienz heißt auch: Wir nehmen einander ernst.“
Neuer Planungs- und Qualitätskompass für den Gesundheitsbau
Für Projektleiter Prof. Stephan Wehrig steht fest: Resilienzmaßnahmen sollten nicht nur im Krisenfall helfen, sondern zugleich einen Mehrwert für Nachhaltigkeit, Architektur und Wandelfähigkeit schaffen. Es gehe darum, Gebäude so zu planen, dass sie im Alltag effizient funktionieren und auch außergewöhnlichen Belastungen standhalten.
Ein wichtiger Meilenstein des Projekts ist die Entwicklung einer neuen Fördergrundlage für den Gesundheitsbau, die zum 1. Januar 2028 veröffentlicht werden soll. Damit soll Resilienz künftig stärker in die Planung und Förderung von Krankenhäusern einfließen. Wie dringend das ist, machte PD Dr. Thorsten Hammer deutlich: Der Hitzesommer sei ein Stresstest gewesen – und die nächste Hitzewelle werde kommen.
Eine ausführliche Version finden Sie hier: Resilienz im Gesundheitsbau: Wie Krankenhäuser krisenfest werden | Technische Hochschule Lübeck